Einführung
Im April 1994 wurde auf dem Gelände des Tihar-Gefängnisses
in der indischen Hauptstadt Neu Delhi ein zehntägiger Vipassana-Kurs
für mehr als tausend Gefängnisinsassen abgehalten. Der
Kurs wurde von Herrn und Frau [S.N.] Goenka gemeinsam mit 13 Assistenz-Lehrern
geleitet. Es war der grösste Vipassana-Kurs, der in der Neuzeit
innerhalb oder ausserhalb eines Gefängnisses durchgeführt
wurde.
Mit seinen etwa 9.000 Insassen ist Tihar eines der grössten
Gefängnisse Indiens. Das Gelände umfasst mehrere hundert
Morgen Land in einem Distrikt etwas ausserhalb von Neu Delhi. Aufgrund
der Schwierigkeiten, die mit der Verwaltung einer so hohen Population
verbunden sind, wurde Tihar in vier verschiedene Haftanstalten unterteilt.
An dem Kurs im April nahmen Insassen aller vier Anstalten teil.
Der Kurs war der Höhepunkt einer Reihe von Ereignissen,
die vor etwa 20 Jahren ihren Anfang nahmen. Die ersten Vipassana-Kurse
in einem indischen Gefängnis fanden, geleitet von Herrn S.N.
Goenka, 1975 und 1977 im Zentralgefängnis
von Jaipur auf Einladung von Mr. Ram Singh statt, dem damaligen
Innenminister des indischen Bundesstaates Rajasthan. Ram Singh,
selbst ein enthusiastischer Vipassana-Meditierer, war sehr daran
interessiert herauszufinden, ob die Technik bei der Lösung
von Problemen in Gesellschaft und Regierung genauso effektiv und
hilfreich sein könnte wie bei der Bewältigung persönlicher
Probleme.
Die Resultate dieser zwei Kurse sowie eines Kurses für Polizeibeamte
an der Polizeiakademie in Jaipur waren zwar sehr ermutigend, das
Vipassana-Programm in den Gefängnissen konnte jedoch nach einem
Regierungswechsel und der Versetzung einiger wichtiger Regierungsmitglieder
zunächst nicht weitergeführt werden. Ram Singh nahm später
seinen Abschied von der Regierung und wurde einer der ersten Assistenzlehrer
Goenkajis. Als er seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck
brachte, dass die Vipassana-Kurse in den Gefängnissen nicht
weitergeführt wurden, antwortete S.N. Goenka: "Mach' dir keine
Sorgen. Die Samen von Vipassana sind gesät worden. Die Zeit
wird wieder kommen."
Nach nahezu 15 Jahren kam die Zeit für Kurse in den
Strafanstalten tatsächlich wieder. Es begann mit einem Kurs
von Assistenzlehrern im Zentralgefängnis
von Jaipur, der 1990 durchgeführt werden konnte. Ab 1991
kamen weitere sechs Gefängniskurse im Zentralgefängnis
von Baroda im indischen Bundesstaat Gujarat hinzu. Die Kurse
waren Gegenstand mehrerer soziologischer Studien, die belegten,
dass Vipassana merklich positive Auswirkungen auf das Verhalten
und die innere Einstellung der Gefängnisinsassen hat. So wird,
wenn Gefangene Vipassana praktizieren, das bei ihnen sehr verbreitete
Gefühl, sich rächen zu wollen, bedeutend reduziert oder
gänzlich aufgelöst. Die Beziehungen zwischen den Gefangenen
und dem Gefängnispersonal werden wesentlich harmonischer, und
die Bereitschaft zur Selbstdisziplin erhöht sich sehr auffällig,
was wiederum die Notwendigkeit aggressiver Überwachung und
Bestrafung von seiten der Gefängnisverwaltung immer unnötiger
macht.
Wie Vipassana nach Tihar kam
Einen Kurs für eintausend Personen zu organisieren, war sicher
ein ehrgeiziges Unterfangen. Es war das Resultat einer einmaligen
Zusammenarbeit verschiedener Menschen, die sich in besonderem Masse
um die Verbesserung der Lebenssituation, einiger der bedauernswertesten
Mitglieder der Gesellschaft bemühten. Im Juli 1993 erhielt
Ram Singh einen Brief von seinem früheren Regierungskollegen,
Mr. M.L. Mehta, dem zweiten Sekretär im Innenministerium der
indischen Regierung. Er fragte, ob ein Vipassana-Kurs im Zentralgefängnis
Tihar organisiert werden könne. Dieser Einladung durch die
indische Regierung wurde entscheidender Nachdruck verliehen durch
die begeisterte Unterstützung der Generalinspektorin (Inspector
General, im folgenden IG) für die Gefängnisse in Neu Delhi,
Frau Dr. Kiran Bedi.
Frau Bedi ist eine bemerkenswerte Sozialreformerin, die in
Indien aufgrund ihrer 21jährigen Karriere als Polizeibeamtin
bekannt geworden ist. Die heute 44jährige war 1972 die erste
Frau, die in den indischen Polizeidienst berufen wurde. Sie ist
bekannt für ihren Mut, ihre unermüdliche Energie und die
tiefe Hingabe, mit der sie versucht, leidenden Menschen zu helfen.
Während des Kurses im April sagte Goenkaji öffentlich,
er möchte sie "Karuna" Bedi nennen - wegen ihres tiefen Mitgefühls.
Frau Bedi wurde im Mai 1993 zur Generalinspektorin ernannt.
Die damalige Situation im Tihar-Gefängnis, wie sie vom Direktor
des Gefängnisses Nr. 2, Herrn Tarsem Kumar, beschrieben wurde,
war sehr bedrückend:
"Zusätzlich zu den akuten Problemen der Überbelegung,
ungenügender sanitärer Einrichtungen, des unzureichenden
Raums zum Atmen etc. war das Gefängnispersonal unter den alten
Bestimmungen dahingehend trainiert worden, die Gefangenen zu tyrannisieren,
zu demütigen, zu isolieren und zu bestrafen. Das Personal glaubte,
dass diese aggressive und demütigende Umgehensweise bei den
Gefängnisinsassen einen solch hohen Leidensdruck erzeugen würde,
dass sie nach der Entlassung aus der Haft, aus lauter Angst noch
einmal in diese Hölle geschickt zu werden, keine strafbare
Handlung mehr begehen würden. Aber dieses Modell der Abschreckung
war falsch. Viele ehemalige Gefängnisinsassen kamen zurück,
und einige, die vorher nur wegen geringfügiger Delikte inhaftiert
worden waren, verlegten sich nach ihrer Entlassung auf schwerwiegendere
kriminelle Handlungen, hatten sie doch in Tihar gelernt, wie man
ein erfolgreicherer und grösserer Krimineller werden kann.
Eines der Mitglieder der indischen Planungskommission bemerkte daher
zutreffend, dass sich die Gefangenen in Tihar ihren Doktortitel
in Kriminalität holen würden. Tihar war eine Brutstätte
für Kriminelle, kein Ort, aus dem geläuterte, resozialisierte
Mitbürger hervorgehen konnten."
Vom ersten Tag ihres Amtsantrittes an erklärte Frau Bedi, dass
sie das Tihar-Gefängnis innerhalb von sechs Monaten in einen
Ashram, einen Ort der geistigen Einkehr, verwandeln wolle. Sie begann
sofort mit einer Reihe von weitreichenden, sehr effektiven und bemerkenswert
innovativen Reformmassnahmen, die rasch in einer bedeutenden Verbesserung
der Atmosphäre in Tihar resultierten. Frau
Bedis beispielhafte Führung und ihre wegbereitenden Reformen
sind motiviert von der starken Überzeugung, dass Gefängnisse
Institutionen der Rehabilitation sein sollten und nicht der Strafe.
Der leitende Direktor, Superintendant Kumar, drückte
es so aus:
"Sie wollte allen das Gefühl geben, dass das
Gefängnis nicht von der Gesellschaft abgelehnt wird, sondern
ein Teil der Gesellschaft ist, und dass jeder, der bereit sei, sich
zu ändern, von der Gesellschaft mit offenen Armen empfangen
werde. Sie sagte uns: 'Es besteht nur ein sehr geringer Unterschied
zwischen den Inhaftierten und uns - es ist nur ein ganz dünner
Faden. Sie haben die Balance ihres Geistes verloren. Wir haben auch
oft unsere Beherrschung verloren, aber wir haben das Glück,
nicht in diesem Gefängnis festgehalten zu werden. Ich glaube,
dass jeder, wenn er die Chance dazu bekommt, versuchen wird, sich
zu ändern, und ich will ihnen diese Chance geben ... Wir müssen
Vertrauen und Zuversicht säen, anstatt Misstrauen ... Wenn
es uns bei unseren Bemühungen, ihnen dabei zu helfen, sich
zu ändern, gelingt, Verständnis und Mitgefühl einzusetzen,
wird sich die Rückfallquote dramatisch verringern, und die
Gesellschaft wird der Nutzniesser dieser Entwicklung sein."
Eines Tages während der ersten Wochen ihres neuen Amtes war Frau
Bedi mit einem der ihr assistierenden Direktoren bei einem Gefängnisrundgang.
Angesichts des Leides, das sie überall sah, sagte sie laut: "Wie
können wir eine Lösung für die emotionalen Probleme
dieser Gefangenen finden?" Ihr Gefängniskollege erwiderte: "Madam,
warum versuchen Sie es nicht mit Vipassana? Es hat mir geholfen, meinen
Zorn zu verringern." Etwa zur gleichen Zeit - ein scheinbar zufälliges
Zusammentreffen - wurde ihr von Herrn M.L. Mehta aus dem Innenministerium
ebenfalls Vipassana empfohlen. Frau Bedi begann zu recherchieren und
kontaktierte hierzu Ram Singh in Jaipur. Er riet ihr, als ersten Schritt,
um Vipassana in Tihar einzuführen, zunächst einige Gefängnisbeamte
zu einem Kurs zu schicken.
Frau Bedi schickte daraufhin ganz bewusst einige der ungehaltensten
und hasserfülltesten Mitglieder ihres Gefängnispersonals
zur Teilnahme an einem Vipassana-Kurs. Diese Beamten galten als
autoritär und leicht aufbrausend und fühlten sich über
jede Kritik erhaben. Als sie jedoch von ihrem 10-Tage-Kurs zurückkehrten,
war ihr Verhalten merklich freundlicher und kooperativer, wie von
ihren Kollegen und von Gefängnisinsassen gleichermassen bestätigt
wurde. Dieses Ergebnis gab Frau Bedi und den anderen Mitgliedern
der Gefängnisverwaltung wachsendes Vertrauen in Vipassana-Meditation
als einer effektiven Methode der Läuterung und Wandlung.
Die ersten Kurse im Tihar-Gefängnis
Der erste Kurs in Tihar wurde Ende November 1993 im Gefängnis
Nr. 2 abgehalten, in welchem der harte Kern der Tihar-Insassen lebt:
die zehn Prozent, die rechtskräftig für Verbrechen verurteilt
worden sind. Der Kurs wurde von Ram Singh und zwei weiteren Assistenzlehrern
geleitet. Sechsundneunzig Gefangene und dreiundzwanzig Gefängnisbeamte
nahmen daran teil. Am letzten Tag des Kurses verliehen viele Gefangene
über ein offenes Mikrophon spontan ihrer Freude darüber
Ausdruck, unter diesen ungewöhnlichen und widrigen Bedingungen
eine Technik der Selbstbefreiung gefunden zu haben. Etliche sagten,
sie wären durch die Vipassana-Praxis zur Einsicht gekommen,
dass sie für ihre Taten selbst verantwortlich sind. Sie berichteten,
dass sie keine Rachegefühle mehr hegten, sondern im Gegenteil
denjenigen, die sie nach Tihar geschickt hatten, dankbar wären,
weil sie auf diese Weise in Kontakt mit Vipassana gekommen waren.
Die Gefangenen meinten scherzhaft zu Ram Singh, dass sie ihn nicht
aus dem Gefängnis lassen wollten, ehe er nicht versprochen
hätte, bald mehr Kurse abzuhalten. Ram Singh stand ein wenig
ratlos da, weil er es nicht für möglich hielt, so schnell
Folgetermine für weitere Kurse versprechen zu können.
Nachdem er jedoch mit Goenkaji Rücksprache gehalten hatte,
wurden in Windeseile Absprachen mit sechs Assistenzlehrern getroffen,
die sich bereiterklärten, am Neujahrstag 1994 nach Tihar zu
kommen, um gleichzeitig in drei Gefängnissen vier Kurse parallel
zueinander zu halten.
An diesen Januarkursen nahmen insgesamt 300 Gefangene teil. Als
dies bekannt wurde, wurde die Nachricht vom nationalen Rundfunk
im ganzen Land verbreitet und erschien in allen grossen Zeitungen
Indiens. Auch die internationale Presse brachte Berichte über
dieses Ereignis. Frau Bedi sagte öffentlich, dass sie lange
nach einer Methode gesucht hätte, die eine Wandlung der Gefangenen
erreichen könnte, und dass sie sie nun in der Vipassana-Meditation
gefunden habe.
Unter vier Augen teilte Frau Bedi Ram Singh mit, dass sie sich
wünsche, dass alle Gefängnisinsassen die Wohltaten der
Meditationspraxis erfahren sollten, dass dies bei dem bisherigen
Tempo aber Jahre in Anspruch nehmen würde. Sie schlug vor,
einen grossen Kurs für eintausend Gefangene abzuhalten. Dabei
fiel Ram Singh eine Vorhersage ein, die S.N. Goenkas Lehrer in Burma,
Sayagyi U Ba Khin, einst gemacht hatte. Als Goenkaji 1969 zum ersten
Mal als Vipassana-Lehrer nach Indien kam, waren seine Kurse sehr
klein. An seinem ersten Kurs nahmen vierzehn Leute teil. Aber schon
nach einem Jahr hatte sich die Kunde von Vipassana verbreitet, und
immer mehr Leute fragten nach Kursen; die Anzahl derer, die an einem
Vipassana-Kurs teilnehmen wollten, wuchs unaufhaltsam. Als Sayagyi
U Ba Khin erfuhr, dass Goenkaji einen Kurs mit einhundert Teilnehmern
gehalten hatte (was in der damaligen Zeit eine überraschend
grosse Zahl war), erkärte er: "Eines Tages wird Goenka eintausend
Menschen unterweisen!" Als Ram Singh sich an diese Vorhersage erinnerte,
dachte er bei sich, dass sie sich vielleicht im Tihar-Gefängnis
erfüllen könnte.
Der Kurs für eintausend Gefangene
Frau Bedi machte sich also daran, einen Ort auszuwählen, an
dem Unterkünfte für mehr als tausend Gefängnisinsassen,
für Mr. und Mrs. Goenka und für eine grosse Gruppe Assistenzlehrer
bereitgestellt werden konnten. Für die täglichen Gruppensitzungen
und die abendlichen Diskurse wurde zudem eine sehr grosse Halle
benötigt. Im Gefängnis Nr. 4 waren zwei neue Gebäude
kurz vor der Fertigstellung, und dort gab es auch mehrere Wohntrakte
für Gefangene in einem kompakten, übersichtlichen Bereich.
Dieses Gelände wurde für den kommenden grossen Kurs ausgewählt.
Die "Abteilung für öffentliche Arbeiten" der Regierung
trieb die Fertigstellung der Gebäude, auch mit Einsatz gelernter
Gefängnisinsassen, eilig voran. Beseelt von dem produktiven
und kooperativen Geist, der jetzt im Gefängnis herrschte, gruben
die Gefangenen Gräben, verlegten Rohre, jäteten und planierten
eine grosses Gelände und halfen mit, ein riesiges Shamiana
- ein grosses, offenes Zelt - zu errichten. Mehr als tausend Gefangene
ohne bewaffnete Wachen in einem Zelt zusammenzubringen, stellte
ein grosses Sicherheitsrisiko, eine riesige Aufgabe dar.
Am Abend des 4. April versammelten sich 1003 männliche Kursteilnehmer
in dem riesigen Zelt im Gefängnis Nr. 4, um die ersten Anweisungen
von Goenkaji zu erhalten. Zur gleichen Zeit begann der erste Vipassana-Kurs
für weibliche Gefangene im Gefängnis Nr. 1, der von 49
Insassen besucht und von zwei Assistenzlehrerinnen geleitet wurde.
Dreizehn Assistenzlehrer, jeder mit 75 bis 100 Schülern, halfen,
den Männerkurs durchzuführen. Sie wurden von einigen erfahrenen
Kursmanagern von ausserhalb der Strafanstalt und von ca. 60 einsitzenden
"alten Schülern" aus dem Gefängnis, die zum erstenmal
als Dhamma-Helfer in einem Kurs dienten, unterstützt.
Neunzig Prozent der Insassen von Tihar sind Untersuchungsgefangene,
die noch auf den Ausgang ihrer Verfahren warten; die anderen zehn
Prozent sind rechtskräftig Verurteilte. Die Mehrheit der Kursteilnehmer
im April waren Untersuchungshäftlinge. Sie waren für Verbrechen
und Vergehen angeklagt, die von Drogenhandel und Raub über
Vergewaltigung bis hin zu terroristischen Straftaten und Mord reichten.
Sie hatten die unterschiedlichsten religiösen Bekenntnisse;
es waren Hindus, Moslems, Sikhs, Christen und Buddhisten darunter.
Mehr als ein Drittel waren Analphabeten.
Es nahmen auch zwanzig ausländische Gefängnisinsassen
am Männerkurs teil; beim Frauenkurs waren es acht. Sie kamen
aus vielen Ländern, darunter Deutschland, Spanien, Frankreich,
Italien, Sri Lanka, Afghanistan, Südafrika, Nigeria, Somalia,
Tansania, Senegal, Kanada und Australien.
In den frühen Morgenstunden des ersten Kurstages erhob sich
plötzlich ein schwerer Sturm, was für diese Jahreszeit
sehr ungewöhnlich war. Regen und schwere Böen brachten
das Dach und die Wände des Zeltes zum Einsturz. Alle Teppiche
und Meditationskissen waren völlig durchnässt. Eine Krisensitzung
der Assistenzlehrer wurde für halb vier Uhr morgens einberufen,
um einen Weg zu finden, den Kurs vor dem völ-ligen Scheitern
zu retten: Die Halle sah aus wie ein Schlachtfeld, es war ein einziges
Chaos, und immer noch blies ein starker Sturm. Als Goenkaji und
Mrs. Goenka kamen, um die Lage zu begutachten, gaben sie den Rat,
das Kursprogramm fortzusetzen, alles würde bald wieder in Ordnung
gebracht sein.
Mr. Meena, der leitende Gefängnisdirektor, erschien und liess
eine normalerweise nur für Notfälle und dringende Mitteilungen
an die Gefangenen vorgesehene Lautsprecheranlage installieren, um
die Anweisungen und das Chanting in die Zellentrakte zu übertragen,
wo sich auch alle Assistenzlehrer hinbegaben, um mit den Gefangenen
zu meditieren und sie anzuleiten. Nach dem Frühstück begann
das Wetter aufzuklaren, und eine umfassende Rettungsaktion wurde
in Angriff genommen. Eine grosse Gruppe von Gefangenen, die nicht
am Kurs teilnahmen, machte sich an die entmutigende Aufgabe, die
"Halle" wieder herzurichten. Sie brachten mehr als 1000 Kissen ins
Freie, um sie in der Sonne zu trocknen, flickten zahlreiche zerrissene
Zeltbahnen und nähten sie wieder zusammen, installierten Decken-Ventilatoren
wieder an den dafür vorgesehen Stellen, brachten elektrische
Leitungen wieder an und legten grosse Wasserlachen trocken. Um sieben
Uhr abends war das Zelt wieder so weit hergerichtet, dass sich alle
Schüler zu Goenkajis erstem Abendvortrag versammeln konnten.
Das erste grosse Hindernis war erfolgreich gemeistert worden!
Es tauchten noch viele weitere Probleme für die Organisatoren
auf angesichts eines Kurses für derart viele Menschen, die
unter diesen höchst einfachen Bedingungen so dicht zusammengedrängt
leben mussten. Trotz aller Widrigkeiten ging der Kurs ruhig und
reibungslos weiter, und am letzten Tag war es allen klar, dass etwas
Einzigartiges erreicht worden war. Mehr als zehn Prozent der
Gefangenen dieser Strafanstalt hatten soeben einen Vipassana-Kurs
absolviert, darunter viele, die unter anderen Umständen wohl
nie mit der Lehre in Berührung gekommen wären.
Dies war der grösste Kurs, den Goenkaji in fast einem Vierteljahrhundert
als Vipassana-Lehrer geleitet hatte. Jeden Abend hatte er einen
Vortrag in Hindi gehalten und dreissig bis fünfundvierzig Minuten
lang die Fragen der Schüler beantwortet. Die abendlichen Lehrvorträge
wurden für Zee TV, einen pan-asiatischen Kabelkanal, für
eine spätere Fernsehübertragung auf Video aufgezeichnet.
Das erste permanente Vipassana Zentrum in einem
Gefängnis
Der Kurs machte den Weg frei für das erste ständige Vipassana-Zentrum
in einem Gefängnis. Nach der Abschlussmeditation am 15. April
blieb die ganze Versammlung von 1100 Menschen - Schüler, Gefängnisbeamte
und Gäste - beisammen, um der Einweihung
des neuen Zentrums im Gefängnis Nr. 4 beizuwohnen, das
von Goenkaji den Namen "Dhamma Tihar" erhielt. Bereits drei Wochen
später begann das Zentrum mit seinem regulären Kursprogramm,
das monatlich zwei 10-Tage-Kurse für Schüler aus allen
vier Gefängnissen vorsieht.
Vipassana ist jetzt anerkannt als eine effektive Methode zur Reformierung
von Strafgefangenen. Nach dem Erfolg des Januar-Kurses in Tihar
rief das Innenministerium eine Konferenz aller Generalinspektoren
der Gefängnisse, aus allen Teilen Indiens, zusammen, und es
wurde eine Empfehlung verabschiedet, die besagt, dass Vipassana
in allen Gefängnissen des Landes als Reformmassnahme und Rehabilitationsmethode
eingeführt werden soll.
Während des Kurses wurde Goenkaji von einem Journalisten gefragt,
warum Vipassana gut für Strafgefangene sei. Er antwortete:
"Vipassana ist gut für jedermann! Wir alle sind Gefangene der
negativen Verhaltensmuster unseres Geistes. Das Praktizieren von
Vipassana befreit uns aus diesen Fesseln ... Vipassana ist ein Werkzeug,
das allen Leidenden helfen kann, denjenigen, die hinter Gittern
sitzen, getrennt von ihren Familien, genauso wie denjenigen, die
nicht hinter Gittern sind." Er sagte: "Was hier in Tihar geschieht,
ist eine Botschaft der Hoffnung für die ganze Welt."
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